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Weihnachten zwischen den Raketen

Gedanken über die Stärke der Ukraine und die Schwäche Europas

Ukrainische Lastwagenfahrer erleben jeden Tag, was es heisst, nicht richtig zu Europa gehören zu dürfen. Kurz vor Weihnachten zeigten die Warnanzeigen auf der ungarischen Autobahn M3 in Richtung ukrainische Grenze eine Wartezeit von über 48 Stunden an. Die LKW-Schlangen vor den Grenzanlagen Ungarns, aber auch der Slowakei und Polens waren wohl 20 oder 25 Kilometer lang.  

Die Nacht vor meiner Ankunft in Kyiv war „laut“, wie meine Gesprächspartner das nennen. Die Luftangriffswarnung ist eine konstante Begleitung des ukrainischen Alltags geworden. Oft folgen den Sirenen Einschläge jenes Kriegsgeräts, das Russland mittlerweile in rauen Mengen und völlig wahllos über der Ukraine abregnen lässt. Billige iranische Drohnen, nordkoreanische Raketen, gelegentlich eine Hyperschall-Kinschal – es wird mit allem geschossen, was das Arsenal hergibt, und zwar auf alles. Bewusst wird auf das zivile Leben geschossen. Angriffe auf militärische Ziele sind mittlerweile auf die Front begrenzt. Quer duerch die Ukraine, die grösser als Frankreich ist, werden Supermärkte und Schwimmbäder, Wohnhäuser und Spielplätze, Krankenhäuser und Kindertagesstätten, Kirchen und Parks in Schutt und Asche gelegt. Der Feind der Russen ist nicht die ukrainische Armee. Russland will den ukrainischen Staat und die ukrainischen Menschen auslöschen. Das wird von der russischen Propaganda ständig so ausgesprochen, und genauso ist es gemeint.

Weihnachten fand 2023 in der Ukraine zum ersten Mal seit langer Zeit am 25. Dezember statt. Dieses Fest wurde in der Ukraine immer gefeiert, nur eben während ein paar Jahrhunderten am julianischen Weihnachtstag Anfang Januar. Die Rückkehr der ukrainischen Orthodoxie zum gregorianischen Weihnachten – die unierten Ostkirchen haben immer am 25. Dezember festgehalten, und für viele ukrainische Kinder gab es während langer Zeit ein doppelte Bescherung – ist ein weiterer Ausdruck des Willens auch der kirchlichen Entscheidungsträger, zusammen mit Europa zu leben und zu feiern. Ich habe den Weihnachtsgottesdienst in der griechisch-katholischen Kathedrale in Uzhhorod besucht und war beeindruckt – vom Andrang der Menschen und der Friedlichkeit der Feier, sogar die Weihnachtspredigt hatte nichts Brachiales oder Feindseliges, es ging um Leben in Frieden. In Russland werden Priester, die sich weigern, ein martialisches Kriegs- und Siegesgebet in ihre Gottendienste einzubauen, aus der Kirche geworfen. 

Gleich nach Weihnachten, am 27. Dezember sandte Russland wieder massive Kriegsgrüsse an die gesamte Ukraine, am 29. folgte der massivste Anschlag auf das zivile Leben des Landes seit dem Beginn des Krieges – fast 60 Menschen starben an diesem Tag im russischen Raketenfeuer, darunter Menschen in einer Entbindungsklinik in Dnipro. Die Wohnung einer Freundin, die als Mitglied des ukrainischen Parlaments unermüdlich um lebenswichtige Unterstützung für ihr gepeinigtes Land wirbt und mit der ich Tage zuvor noch in Kyiv gesprochen hatte, wurde in diesen Attacken ebenfalls zerstört. Jener Gott, den die russischen Kriegsverbrecher jeden Tag um einen militärischen „Sieg“ anflehen, möge in Erwägung ziehen, diesen Terroristen beim Jüngsten Gericht eine Vorzugsbehandlung angedeihen zu lassen.  

Ich habe zu Weihnachten in der Ukraine ein Land gesehen, dessen Menschen geeint und entschlossen sind, diesen Krieg durchzustehen und nie wieder unter russischer Schreckensherrschaft leben zu müssen. Ähnlich hatte ich das schon sehr viel früher erlebt, 2014 an der Front bei Mariupol, in Ortschaften, die heute von der Erdoberfläche ausgelöscht sind. Die Ukraine trauert jeden Tag um ihre Toten und Verletzten, um die Entführten in den besetzten Gebieten, um die Kinder, die dort ohne Aufhebens nach Russland verschleppt und anderswo von russischen Raketen zerfetzt werden. Doch die Ukrainer kämpfen jeden Tag mit der gleichen Entschlossenheit für ihre Freiheit. Für ihr Recht, in Frieden so zu leben, wie sie es selbst bestimmen. Für eine Zukunft im Licht, nicht in der weihrauchschwangeren Finsternis des russischen Faschismus, in der ein Leben nichts zählt, und Millionen Tote lediglich eine Statistik sind.

Die Europäische Union hat beschlossen, mit der Ukraine über eine Mitgliedschaft zu verhandeln. Wir sollten das etwas schneller tun, als wir es sonst hinbekommen. Denn die Zeit, die der Ukraine wegläuft, ist in Wirklichkeit unsere Zeit. Es ist die europäische Zeit, die abläuft.

Der Krieg in der Ukraine ist vielleicht die letzte Warnung an Europa. Es geht nicht nur um das Überleben dieser ausserordentlichen Nation, es geht um unser Überleben als Zivilisation. Als der Kontinent der Aufklärung, der Erfindungen, des Nobelpreises und einer unerhörten kulturellen Vielfalt und menschlicher Entfaltungskraft. Alles das wird Russland in der Ukraine vernichten, wenn wir es lassen. Alles das wird danach in ganz Europa auf dem Spiel stehen. Zwischen Vladimir Putin, Xi Jinping, Kim Jong-un, Ebrahim Raïssi, Recep Tayyip Erdogan und vielleicht noch einmal Donald Trump wird es für ein Europa, das nicht weiss, was und wohin es will, keinen Platz mehr geben. Niemand wird uns in Zukunft helfen. Die europäischen Gesellschaften müssen schlicht und ergreifend wieder lernen, für Freiheit, Menschlichkeit und menschliches Entfaltungsrecht zu kämpfen.

Es muss schluss sein mit dem unerträglichen Defätismus all jener, die „Russland verstehen“ wollen. Diejenigen, die das bei Hitler versucht haben, mussten einsehen, dass es rein gar nichts bringt, und bei Vladimir Putin ist es genauso. Es geht nicht darum, ihn zu verstehen, es geht darum, ihn zu besiegen. Gerade versucht ein Mann mit seinen Erfüllungsgehifen, ein Land regelrecht zu zerstören. In Syrien hat er bereits bewiesen, dass er bei so etwas gerne hilft, und dabei von keinerlei Skrupeln, Mitleid oder sonstigen menschlichen Regungen geplagt wird. Gelingt ihm das in der Ukraine, werden weitere Länder derselben Gefahr ausgesetzt.

Wie lange noch wollen wir ertragen, wie sich die chinesische Führung gemütlich anschaut, ob Putin sich die Ukraine doch noch ohne Gegenangriff auf Russland einverleiben kann, um dann genau das gleiche mit Taiwan zu veranstalten? Und wie lange wollen wir noch glauben, das wäre doch eigentlich nicht unser Problem, und weil wir ja so viele eigene Probleme haben, dürften wir der Ukraine nicht allzuviel Geld überweisen, und Russland nicht allzu sehr verärgern?

Es wird kein „diplomatisches“ Ende dieses Krieges geben. Das liegt schlicht daran, dass Russland nicht verhandeln wird, weil es nicht verhandeln kann. Jede Verhandlung darüber, dass dieser Krieg nicht gewonnen wurde, wird Vladimir Putin die Herrschaft und sehr wahrscheinlich das Leben kosten. Die Ukraine braucht dringend weitere Unterstützung, um diesen Krieg gewinnen zu können, und die muss sie auf ihrem eigenen Kontinent finden. Für den Anfang müssen rund 300 Milliarden Euro russischer Guthaben, die in der Europäischen Union eingefroren sind, konfisziert und an die Ukraine überwiesen werden. Russisches Geld muss endlich für die Bekämpfung russischer Kriegsverbrecher genutzt werden.

Und dann wird Europa wieder verteidigungsfähig werden müssen. Es gibt auf unserem Kontinent im Moment zwei relevante Armeen, die kriegsfähig sind: die ukrainische und die britische. Im Moment schützt die Ukraine uns, die Männer und Frauen an der Front fallen für die Freiheit von uns allen. Es wird Zeit, das innerhalb der Europäischen Union wieder erinnert wird, zu welchem Zweck die Gründerväter die Errichtung des Gemeinsamen Europa vorangetrieben haben. Das hatte alles mit Frieden in Freiheit zu tun. Freiheit gibt es nicht umsonst, für Freiheit muss man arbeiten, streiten, und im Ernstfall kämpfen. Nichts weniger kann und darf heute der Anspruch einer halben Milliarde Europäer sein. Der Weihnachtsfrieden ist eh vorbei. 

Frank Engel

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